Eine Kastration wird beim Hund häufig als ganz normaler Eingriff betrachtet. Sie soll unerwünschten Nachwuchs verhindern, Verhaltensprobleme lösen oder späteren Erkrankungen vorbeugen.
Doch so einfach ist es nicht.
Bei einer Kastration wird nicht nur die Fortpflanzungsfähigkeit ausgeschaltet.
Beim Rüden werden die Hoden, bei der Hündin die Eierstöcke – teilweise gemeinsam mit der Gebärmutter – entfernt. Damit verändert sich dauerhaft auch der Hormonhaushalt des Hundes.
Und genau darüber wird unserer Meinung nach noch viel zu wenig gesprochen.
Denn Geschlechtshormone sind nicht nur für Sexualität und Fortpflanzung da.
Was machen die Geschlechtshormone eigentlich?
Testosteron, Östrogene und Progesteron erfüllen im Körper zahlreiche Aufgaben.
Sie spielen unter anderem eine Rolle bei der körperlichen Entwicklung, bei Knochen und Muskulatur, beim Stoffwechsel und bei verschiedenen Verhaltens- und Reifungsprozessen.
Werden die hormonproduzierenden Organe entfernt, verändert man deshalb mehr als nur die Fortpflanzungsfähigkeit.
Eine Kastration betrifft den gesamten Organismus.
Das bedeutet nicht, dass jeder kastrierte Hund zwangsläufig gesundheitliche Probleme bekommt. Es bedeutet aber, dass die Entscheidung mehr verdient als ein pauschales „Das macht man eben so“.
Besonders bei jungen Hunden spielt der Zeitpunkt eine Rolle
Ein Welpe oder Junghund ist körperlich und mental noch lange nicht fertig entwickelt.
Auch die Geschlechtshormone sind an diesen Reifungsprozessen beteiligt. Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass eine frühe Entfernung der Keimdrüsen den Schluss der Wachstumsfugen beeinflussen beziehungsweise verzögern kann.
Bei verschiedenen – insbesondere größeren – Hunderassen wurden außerdem Zusammenhänge zwischen dem Zeitpunkt der Kastration und bestimmten orthopädischen Erkrankungen gefunden. Dazu gehören beispielsweise Hüft- und Ellbogendysplasie sowie Verletzungen des vorderen Kreuzbandes.
Dabei gibt es allerdings deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Rassen, zwischen Rüden und Hündinnen und je nach Alter bei der Kastration.
Genau deshalb halten wir wenig von pauschalen Empfehlungen nach dem Motto:
„Mit sechs Monaten kann er kastriert werden.“
Die entscheidende Frage sollte vielmehr lauten:
Warum soll dieser Hund zu diesem Zeitpunkt kastriert werden?
Kastration als Krebsvorsorge?
Gerade bei Hündinnen hört man häufig, eine möglichst frühe Kastration schütze vor Gesäugetumoren.
Dazu werden teilweise sehr konkrete Zahlen genannt, die sich seit Jahren hartnäckig halten.
Doch genau diese Zahlen sind längst nicht so eindeutig belegt, wie es oft klingt.
Forscher haben sich die vorhandenen Studien dazu noch einmal genauer angesehen. Dabei zeigte sich: Viele der älteren Untersuchungen haben Schwächen und lassen keine so sicheren Aussagen zu, wie häufig daraus gemacht werden.
Das heißt nicht, dass eine Kastration keinen Einfluss auf das Risiko für Gesäugetumoren haben kann.
Es heißt aber: Mit den bekannten Prozentzahlen sollte man vorsichtig sein – und sie nicht als sicheren Grund für eine frühe Kastration darstellen.
Gleichzeitig wurden bei bestimmten Rassen und Geschlechtern Zusammenhänge zwischen einer Kastration und einem erhöhten Auftreten anderer Tumorerkrankungen beobachtet.
Auch hier gibt es also kein einfaches Schema, das für jeden Hund gleichermaßen gilt.
Kastration und Inkontinenz
Ein weiteres Thema, über das vor einer Kastration gesprochen werden sollte, ist die Harninkontinenz.
Vor allem bei Hündinnen kann nach einer Kastration eine sogenannte Harnröhrenschließmuskelschwäche auftreten. Typisch ist, dass die Hündin unbemerkt Urin verliert – häufig im Liegen oder während des Schlafens.
Nicht jede kastrierte Hündin wird inkontinent. Das Risiko ist aber erhöht und hängt unter anderem von Rasse, Körpergröße beziehungsweise Gewicht und weiteren individuellen Faktoren ab. Bei größeren Hündinnen scheint es häufiger aufzutreten.
Eine solche Inkontinenz kann behandelbar sein, teilweise ist jedoch eine dauerhafte medikamentöse Therapie notwendig.
Auch das gehört für uns zu einer vollständigen Aufklärung: Wenn ein Eingriff vorsorglich an einem gesunden Hund durchgeführt werden soll, sollten nicht nur die erhofften Vorteile, sondern auch mögliche langfristige Folgen bekannt sein.
Die Pyometra – hier muss man nichts schönreden
Eine Gebärmuttervereiterung, die sogenannte Pyometra, ist eine ernsthafte und potenziell lebensbedrohliche Erkrankung der unkastrierten Hündin.
Dieses Risiko gehört zu einer ehrlichen Aufklärung dazu.
Eine Kastration, bei der die Eierstöcke entfernt werden, verhindert die hormonellen Abläufe, die für die typische Entstehung einer Pyometra notwendig sind.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass deshalb jede gesunde junge Hündin vorsorglich kastriert werden muss.
Vielmehr sollte auch hier individuell abgewogen werden: Wie hoch ist das Risiko? Welche anderen Auswirkungen hat die Kastration? Und welche Entscheidung ist für diese Hündin sinnvoll?
Eine bestehende Erkrankung zu behandeln ist etwas anderes, als ein gesundes Organ vorsorglich zu entfernen.
„Dann wird er ruhiger“ – wirklich?
Einer der häufigsten Gründe für eine Kastration beim Rüden ist das Verhalten.
Er markiert.
Er interessiert sich stark für läufige Hündinnen.
Er pöbelt andere Rüden an.
Er ist aufgeregt oder schwer ansprechbar.
Und dann fällt schnell der Satz:
„Lass ihn kastrieren, dann wird er ruhiger.“
So einfach funktioniert Verhalten aber nicht.
Eine Kastration kann Verhalten beeinflussen, das tatsächlich durch Sexualhormone mitgesteuert wird.
Angst, Unsicherheit, Stress, fehlende Orientierung und Anleitung, erlerntes Verhalten oder aggressives Verhalten haben jedoch nicht automatisch ihre Ursache im Testosteron.
Eine Kastration ersetzt deshalb weder Training noch eine vernünftige Verhaltensanalyse.
Bevor wegen eines Verhaltensproblems kastriert wird, sollte zunächst die wichtigste Frage beantwortet werden:
Warum verhält sich der Hund so?
Erst dann kann überhaupt beurteilt werden, ob die Sexualhormone dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Cookie, 11 Monate – mitten in der hormonelle Entwicklung. Anfangs noch ziemlich aufgeregt wegen der läufigen Hündin, kurze Zeit später entspannt direkt vor dem Tisch.
Hypersexualität – wirklich ein Grund zur Kastration?
Gerade junge Rüden können zeitweise ziemlich beeindruckend zeigen, dass ihre Hormone angekommen sind.
Läufige Hündinnen sind plötzlich das Wichtigste auf der Welt, es wird markiert, aufgeritten, geschnüffelt und manchmal scheint im Kopf für kaum etwas anderes Platz zu sein.
Das kann anstrengend sein.
Aber sexuelle Motivation ist zunächst einmal keine Krankheit.
Auch ein junger Hund muss lernen, mit Erregung, Frust und seinen eigenen Impulsen umzugehen. Ruhe, Ansprechbarkeit und Selbstregulation sind Dinge, die trainiert und gelernt werden können.
Ein bisschen wie bei uns Menschen: Auch ein Jugendlicher in der Hochphase seiner hormonellen Entwicklung muss erst lernen, mit seinen Gefühlen, Impulsen und seiner Sexualität umzugehen – deshalb käme schließlich niemand auf die Idee, ihn vorsorglich zu kastrieren.
Natürlich gibt es Hunde, bei denen sexuelles Verhalten ein extremes Ausmaß annimmt und zu einer erheblichen Belastung wird. Ein Rüde, der beispielsweise wegen läufiger Hündinnen dauerhaft kaum frisst, nicht mehr zur Ruhe kommt oder erheblich leidet, muss individuell betrachtet werden.
Aber zwischen „Mein junger Rüde entdeckt gerade seine Sexualität“ und einem dauerhaft problematischen Verhalten liegt ein großer Unterschied.
Deshalb sollte die erste Frage nicht automatisch lauten:
„Wann lassen wir ihn kastrieren?“
Sondern:
„Was genau steckt hinter seinem Verhalten – und was können wir ihm beibringen?“
Unfruchtbar – aber müssen dafür die Hormone weg?
Genau an dieser Stelle wird es interessant.
Viele Hundehalter möchten vor allem eines: Ihr Hund soll sich nicht fortpflanzen können.
Und häufig scheint die Kastration dafür die selbstverständliche Lösung zu sein.
Aber Unfruchtbarmachung und Kastration sind nicht dasselbe.
Bei der Kastration werden die Hoden beziehungsweise die Eierstöcke entfernt. Damit wird der Hund nicht nur unfruchtbar – gleichzeitig wird dauerhaft in seinen Hormonhaushalt eingegriffen.
Es geht auch anders.
Beim Rüden können beispielsweise die Samenleiter durchtrennt werden (Vasektomie). Er kann dann keine Nachkommen mehr zeugen, seine Hoden bleiben jedoch erhalten und produzieren weiterhin Testosteron.
Auch bei Hündinnen gibt es hormonerhaltende Operationsverfahren, bei denen eine Fortpflanzung verhindert wird, die Eierstöcke aber erhalten bleiben.
Und genau diese Verfahren sind wissenschaftlich durchaus interessant.
Eine 2023 veröffentlichte Studie untersuchte 6.018 Hunde und verglich intakte Hunde, klassisch kastrierte Hunde sowie Hunde nach Vasektomie beziehungsweise eierstockerhaltender Sterilisation.
Das Ergebnis ist spannend: Hunde, die ihre körpereigenen Geschlechtshormone länger behielten, zeigten insgesamt weniger gesundheitliche Probleme und auch weniger unerwünschte Verhaltensweisen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Kastration die Ursache jeder später auftretenden Erkrankung oder jedes Verhaltensproblems ist. Aber die Ergebnisse zeigen, dass Geschlechtshormone eben nicht nur für die Fortpflanzung da sind – und dass es gute Gründe gibt, ihren Erhalt in die Entscheidung mit einzubeziehen.
Wenn es ausschließlich darum geht, Nachwuchs zu verhindern, sollte deshalb zumindest bekannt sein, dass es Alternativen zur Entfernung der hormonproduzierenden Organe gibt.
Der Kastrationschip – keine hormonfreie Alternative
Der sogenannte Kastrationschip wird häufig als sanftere Alternative zur chirurgischen Kastration betrachtet.
Dabei ist ein wichtiger Unterschied zu beachten:
Es werden zwar keine Organe entfernt und die Wirkung ist grundsätzlich zeitlich begrenzt – aber auch der Kastrationschip greift deutlich in den Hormonhaushalt ein.
Das verwendete Deslorelin unterdrückt die Funktion der Geschlechtsachse. Während der Wirkungszeit können Testosteron beziehungsweise Östradiol auf ähnlich niedrige Werte absinken wie nach einer chirurgischen Kastration.
Der Chip ist deshalb etwas völlig anderes als eine Vasektomie oder eine andere hormonerhaltende Sterilisation.
Bei diesen bleibt die körpereigene Produktion der Geschlechtshormone erhalten.
Beim Kastrationschip wird sie vorübergehend unterdrückt.
Der entscheidende Unterschied zur chirurgischen Kastration ist, dass keine Keimdrüsen entfernt werden und die Wirkung grundsätzlich reversibel ist. Wie lange es dauert, bis die normale Hormon- und Fortpflanzungsfunktion vollständig zurückkehrt, kann individuell unterschiedlich sein.
„Keine Operation“ bedeutet deshalb nicht „kein Eingriff in den Hormonhaushalt“.
Auch über diese Auswirkungen sollte aufgeklärt werden, bevor ein Kastrationschip eingesetzt wird.
Wann kann eine Kastration medizinisch sinnvoll sein?
Natürlich gibt es Situationen, in denen eine Kastration medizinisch angezeigt sein kann.
Dazu gehören beispielsweise Erkrankungen der Hoden oder Eierstöcke, eine Pyometra oder bestimmte hormonabhängige Erkrankungen.
Auch Erkrankungen der Prostata beim Rüden können je nach Ursache eine Kastration beziehungsweise eine hormonelle Behandlung sinnvoll machen.
Dann sprechen wir aber über etwas anderes:
Es gibt ein konkretes medizinisches Problem, das behandelt werden soll.
Das ist ein entscheidender Unterschied zur vorsorglichen Kastration eines gesunden Hundes.
Und was sagt eigentlich das Tierschutzgesetz?
Auch der Gesetzgeber betrachtet die Entfernung von Organen nicht als belanglosen Routineeingriff.
§ 6 des deutschen Tierschutzgesetzes verbietet grundsätzlich das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres und nennt anschließend bestimmte Ausnahmen.
Dazu gehören unter anderem eine tierärztliche Indikation sowie die Unfruchtbarmachung zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung.
Eine Kastration ohne medizinische Indikation ist damit nicht grundsätzlich verboten.
Der Gesetzestext macht aber deutlich, dass die Entfernung gesunder Organe keineswegs als völlig selbstverständlicher Eingriff betrachtet wird.
Warum uns dieses Thema wichtig ist
Wir möchten dir nicht vorschreiben, ob du deinen Hund kastrieren lassen sollst oder nicht.
Aber wir wünschen uns, dass eine solche Entscheidung informiert getroffen wird.
Nicht, weil „man das eben macht“.
Nicht, weil dein Hund gerade mitten in der Pubertät anstrengend ist.
Und auch nicht aufgrund eines einzelnen pauschalen Arguments.
Frag nach.
Warum soll mein Hund kastriert werden?
Welches konkrete Problem soll damit gelöst werden?
Welche Vorteile hat die Kastration für genau meinen Hund?
Welche möglichen Nachteile gibt es?
Welche Rolle spielen Rasse, Geschlecht, Alter und Entwicklungsstand?
Und wenn lediglich eine Fortpflanzung verhindert werden soll:
Welche hormonerhaltenden Alternativen gibt es?
Eine Kastration lässt sich nicht rückgängig machen. Deshalb darf die Entscheidung Zeit, eine individuelle Betrachtung und eine umfassende Aufklärung verdienen.
Gesundheit beginnt beim Blick aufs Ganze.
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Quellen und weiterführende Literatur
Zink C, Delgado MM, Stella JL (2023):
Vasectomy and ovary-sparing spay in dogs: comparison of health and behavior outcomes with gonadectomized and sexually intact dogs.
Journal of the American Veterinary Medical Association, 261(3), 366–374.
DOI: 10.2460/javma.22.08.0382
Hart BL, Hart LA, Thigpen AP, Willits NH (2020):
Assisting Decision-Making on Age of Neutering for 35 Breeds of Dogs: Associated Joint Disorders, Cancers, and Urinary Incontinence.
Frontiers in Veterinary Science, 7:388.
DOI: 10.3389/fvets.2020.00388
Beauvais W, Cardwell JM, Brodbelt DC (2012):
The effect of neutering on the risk of mammary tumours in dogs – a systematic review.
Journal of Small Animal Practice, 53(6), 314–322.
DOI: 10.1111/j.1748-5827.2012.01220.x
Salmeri KR, Bloomberg MS, Scruggs SL, Shille V (1991):
Gonadectomy in immature dogs: effects on skeletal, physical, and behavioral development.
Journal of the American Veterinary Medical Association, 198(7), 1193–1203.
World Small Animal Veterinary Association (WSAVA):
Guidelines for the control of reproduction in dogs and cats. Aktuelle internationale Empfehlungen zur Reproduktionskontrolle und zur individuellen Abwägung verschiedener Verfahren.
Gansloßer U, Strodtbeck S:
Kastration und Verhalten beim Hund.
Fachliteratur zu hormonellen Zusammenhängen, Verhalten sowie Kastration und Sterilisation beim Hund.
Rechtliche Grundlage:
§ 6 Tierschutzgesetz (TierSchG) – Verbot und Ausnahmen bei der vollständigen oder teilweisen Entnahme bzw. Zerstörung von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle tierärztliche Untersuchung oder Beratung.
