Übergewicht beim Hund – Liebe geht nicht immer durch den Magen

Ein Leckerchen hier, ein kleiner Happen vom Tisch dort. Schließlich soll unser Hund es doch gut haben. Und wer kann diesem erwartungsvollen Blick schon immer widerstehen?

Doch was aus Liebe geschieht, kann auf Dauer seiner Gesundheit schaden.

Übergewicht ist beim Hund kein Schönheitsfehler, sondern ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko. Trotzdem werden die Folgen häufig unterschätzt.

Denn die zusätzlichen Kilos belasten nicht nur die Gelenke. Sie können weit mehr im Körper verändern, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Fettgewebe ist mehr als eine Energiereserve

Lange wurde Körperfett hauptsächlich als Energiespeicher betrachtet. Heute wissen wir, dass Fettgewebe auch hormonell aktiv ist und verschiedene Botenstoffe produziert.

Bei übergewichtigen Hunden können dadurch Stoffwechselprozesse und Entzündungsreaktionen beeinflusst werden. Übermäßiges Fettgewebe kann chronische, unterschwellige Entzündungsprozesse begünstigen.

Das bedeutet: Übergewicht belastet den Organismus nicht nur durch zusätzliche Kilogramm. Es kann auch Prozesse im Körper beeinflussen, die von außen zunächst gar nicht sichtbar sind.

Und genau das macht Übergewicht zu einem Problem, das weit über die Figur hinausgeht.

Wenn jedes zusätzliche Kilo zur Belastung wird

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen am Bewegungsapparat.

Hüften, Knie, Ellenbogen und Wirbelsäule müssen bei jeder Bewegung zusätzliches Gewicht tragen. Was zunächst nach ein paar harmlosen Pfunden aussieht, kann für die Gelenke auf Dauer eine erhebliche Mehrbelastung bedeuten.

Besonders problematisch wird es, wenn bereits orthopädische Erkrankungen vorliegen.

Hüftgelenksdysplasie (HD): Übergewicht erhöht die Belastung der ohnehin veränderten Hüftgelenke. Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und arthrotische Beschwerden können dadurch verstärkt werden.

Ellenbogendysplasie (ED): Auch hier beansprucht zusätzliches Körpergewicht die bereits geschädigten Gelenkstrukturen und kann arthrotische Beschwerden verstärken.

Patellaluxation: Bei Hunden, deren Kniescheibe aus ihrer normalen Position springt, erhöht zusätzliches Körpergewicht die Belastung des Kniegelenks. Bestehende Beschwerden können sich dadurch verschlimmern. Die anatomische Fehlstellung selbst wird durch Übergewicht allerdings nicht verursacht.

Arthrose: Neben der erhöhten mechanischen Belastung können entzündungsfördernde Prozesse im Fettgewebe eine Rolle spielen. Übergewicht kann somit auf mehreren Wegen zu einer Verschlechterung der Beschwerden beitragen.

Kreuzbanderkrankungen: Übergewicht gilt als Risikofaktor für Erkrankungen des vorderen Kreuzbandes. Die zusätzliche Belastung kann außerdem die Erholung und die langfristige Gelenkgesundheit beeinträchtigen.

Beschwerden an Wirbelsäule und Rücken: Übergewicht kann die Wirbelsäule und die umgebende Muskulatur zusätzlich belasten. Besonders bei bestehenden Erkrankungen wie Spondylose oder Bandscheibenproblemen kann das zusätzliche Körpergewicht Beschwerden verstärken. Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit können zu Schonhaltungen und muskulären Verspannungen führen, wodurch weitere Fehlbelastungen entstehen.

Und dann beginnt häufig ein Teufelskreis.

Der Hund hat Schmerzen, bewegt sich weniger, verliert Muskulatur und nimmt möglicherweise weiter zu. Dadurch steigt die Belastung seiner Gelenke erneut.

Das Tückische daran: Nicht jeder Hund zeigt Schmerzen durch deutliches Humpeln.

Manche werden einfach langsamer, springen seltener ins Auto, meiden Treppen oder brauchen morgens etwas länger, bis sie richtig in Bewegung kommen.

Was wir dann vielleicht als normales Älterwerden oder Bequemlichkeit abtun, kann in Wirklichkeit ein Hinweis auf Schmerzen sein.

Was die Wissenschaft dazu sagt

Dass Übergewicht weitreichende Folgen haben kann, ist keine bloße Vermutung. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern dazu bemerkenswerte Ergebnisse.

Eine der bekanntesten Langzeitstudien stammt von Kealy und Kollegen aus dem Jahr 2002.

Über viele Jahre wurden 48 Labrador Retriever begleitet. Eine Gruppe erhielt dauerhaft 25 % weniger Futter als die jeweilige Vergleichsgruppe.

Das Ergebnis lässt aufhorchen.

Die Hälfte der kontrolliert gefütterten Hunde erreichte ein Alter von mindestens 13 Jahren. In der Vergleichsgruppe lag dieser Wert bei 11,2 Jahren.

Ein Unterschied von rund 1,8 Jahren.

Außerdem traten bestimmte altersbedingte Erkrankungen, darunter Arthrose, bei den kontrolliert gefütterten Hunden später auf.

Natürlich lässt sich aus dieser Untersuchung nicht ableiten, dass jeder Hund automatisch fast zwei Jahre länger lebt, wenn er weniger Futter bekommt. Die Studie zeigt aber eindrucksvoll, welchen Einfluss eine langfristig angepasste Fütterung und die damit verbundene Körperkondition haben können.

Noch umfangreicher war eine Untersuchung von Salt und Kollegen aus dem Jahr 2019.

Hier wurden die Gesundheitsdaten von 50.787 kastrierten Hunden aus zwölf verschiedenen Rassen ausgewertet.

Bei allen zwölf Rassen zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und einer kürzeren Lebenserwartung. Je nach Rasse betrug der Unterschied etwa fünf Monate bis zweieinhalb Jahre.

Besonders deutlich war er bei Yorkshire Terriern: In der statistischen Auswertung lag die typische Lebensdauer normalgewichtiger Hunde bei etwa 16,2 Jahren, bei übergewichtigen dagegen bei etwa 13,7 Jahren.

Die Ergebnisse geben durchaus Anlass, das Gewicht unserer Hunde ernst zu nehmen.

Auch bei bestehenden Gelenkerkrankungen kann sich eine Gewichtsabnahme positiv auswirken. Untersuchungen an übergewichtigen Hunden mit Arthrose zeigen, dass bereits eine moderate Gewichtsreduktion die Lahmheit verringern und die Beweglichkeit verbessern kann.

Es geht also nicht darum, dass ein Hund auf der Waage eine möglichst niedrige Zahl erreicht.

Es geht darum, seine Gesundheit und Lebensqualität zu erhalten.

Warum nehmen Hunde überhaupt zu?

Die grundlegende Ursache ist meist recht einfach: Über längere Zeit nimmt der Hund mehr Energie auf, als sein Körper verbraucht.

Im Alltag ist das allerdings oft weniger offensichtlich, als es klingt.

Da gibt es die Leckerchen beim Training, den Kauartikel zwischendurch und vielleicht noch einen kleinen Happen vom Tisch.

Und dann wären da noch Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen und andere Menschen, die es einfach nur „gut meinen“.

Jeder für sich gibt schließlich nur eine Kleinigkeit.

Dass sich diese Kleinigkeiten über den Tag summieren, wird dabei leicht übersehen.

Hinzu kommen weitere Faktoren. Mit zunehmendem Alter verändert sich häufig der Energiebedarf. Erkrankungen, bestimmte Medikamente, weniger Bewegung und individuelle Stoffwechselunterschiede können ebenfalls eine Rolle spielen.

Und auch die Kastration verdient in diesem Zusammenhang einen genaueren Blick.

Welche Rolle spielt die Kastration?

Nach einer Kastration verändert sich der Hormonhaushalt des Hundes. Durch den Wegfall der Geschlechtshormone sinkt der Energiebedarf, während bei manchen Hunden gleichzeitig der Appetit zunimmt.

Manche Hunde werden nach dem Eingriff außerdem ruhiger oder bewegen sich weniger. Dadurch kann der tägliche Energieverbrauch zusätzlich sinken.

Eine Kastration führt also nicht zwangsläufig zu Übergewicht. Sie kann das Risiko dafür aber erhöhen.

Deshalb sollte die Fütterung nach dem Eingriff überprüft und bei Bedarf angepasst werden. Eine Reduktion des Futters um 1/3 bis 1/4 kann man als groben Richtwert angeben.

Dabei zählt nicht nur die Zahl auf der Waage, sondern auch die Körperkondition und der Erhalt der Muskulatur.

Wer Veränderungen frühzeitig erkennt, kann einer unerwünschten Gewichtszunahme häufig gut entgegenwirken.

Woran erkenne ich, ob mein Hund zu dick ist?

Nicht jeder Hund, der auf der Waage ein paar Kilogramm mehr anzeigt, ist automatisch zu dick. Schließlich unterscheiden sich Hunde erheblich in Größe, Körperbau und Muskelmasse.

Umgekehrt kann ein Hund bereits zu viel Körperfett haben, obwohl sein Gewicht auf den ersten Blick noch unauffällig erscheint.

Ein hilfreiches Instrument ist deshalb der sogenannte Body Condition Score (BCS). Dabei wird die Körperkondition häufig auf einer Skala von 1 bis 9 beurteilt.

Bei einem Hund mit idealer Körperkondition sollten die Rippen unter einer dünnen Fettschicht gut tastbar sein. Von oben betrachtet ist eine Taille erkennbar, und von der Seite zeigt sich eine leicht nach oben ansteigende Bauchlinie.

Bei langhaarigen Hunden ist das Abtasten besonders wichtig. Ein dichter Pelz kann schließlich so manches zusätzliche Pölsterchen geschickt verbergen.

Gesund abnehmen – aber mit Augenmaß

Der Hund ist zu dick. Also einfach weniger Futter in den Napf?

Ganz so einfach ist es nicht.

Natürlich muss die Energiezufuhr angepasst werden, wenn ein Hund Gewicht verlieren soll. Doch wer die bisherige Futtermenge drastisch reduziert, riskiert unter Umständen, dass wichtige Nährstoffe fehlen.

Denn der Hund soll Körperfett verlieren – und möglichst keine wertvolle Muskulatur.

Deshalb lohnt es sich, zunächst die gesamte Fütterung genauer anzuschauen. Dazu gehören nicht nur die Mahlzeiten, sondern auch sämtliche Leckerchen, Kauartikel und kleinen Extras.

Dabei zählt nicht nur die Futtermenge, sondern auch die Qualität und Zusammensetzung des Futters.

Eine bedarfsgerechte Ernährung sollte den Hund mit ausreichend hochwertigem, gut verdaulichem Protein, essenziellen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen versorgen.

Gerade während einer Gewichtsabnahme ist eine ausreichende Proteinversorgung wichtig, um die Muskulatur möglichst gut zu erhalten.

Auch ein hochwertiges Futter kann bei zu großen Portionen zu Übergewicht führen. Umgekehrt bedeutet eine kleinere Futtermenge nicht automatisch, dass der Hund weiterhin mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt wird.

Und Werbeaussagen wie „hoher Fleischanteil“, „getreidefrei“ oder „natürlich“ sagen für sich allein noch wenig darüber aus, ob ein Futter tatsächlich zum individuellen Bedarf des Hundes passt.

Eine langsame, kontrollierte Gewichtsabnahme ist deshalb in der Regel der bessere Weg.

Bewegung ist wichtig – aber nicht jede Bewegung ist sinnvoll

Mehr Bewegung gehört zu einer gesunden Gewichtsabnahme dazu. Doch auch hier gilt: Viel hilft nicht automatisch viel.

Einen übergewichtigen Hund, der bislang wenig aktiv war, plötzlich auf lange Wanderungen mitzunehmen ist keine gute Idee.

Besonders dann nicht, wenn bereits Gelenkbeschwerden bestehen.

Häufig sind mehrere kürzere, gleichmäßige Spaziergänge sinnvoller, deren Dauer und Intensität langsam gesteigert werden.

Durch gezielte, individuell angepasste Übungen lassen sich Muskulatur, Beweglichkeit und Körperwahrnehmung fördern. Gleichzeitig kann darauf geachtet werden, den ohnehin belasteten Bewegungsapparat nicht zusätzlich zu überfordern.

Denn das Ziel ist nicht, den Hund möglichst schnell möglichst viel bewegen zu lassen.

Das Ziel ist, dass er sich langfristig wieder besser und möglichst schmerzarm bewegen kann.

Liebe bedeutet manchmal auch, Nein zu sagen

Unsere Hunde können nicht selbst entscheiden, wie viel Futter in ihrem Napf landet oder wie viele Leckerchen sie bekommen.

Diese Verantwortung tragen wir.

Natürlich dürfen Leckerchen weiterhin dazugehören.

Aber Zuwendung muss nicht immer essbar sein.

Ein gemeinsamer Spaziergang, ein Suchspiel, eine kleine Trainingseinheit oder einfach ungeteilte Aufmerksamkeit können mindestens genauso wertvoll sein.

Dabei geht es nicht um Perfektion. Und auch nicht darum, einem Hund jede Freude am Fressen zu nehmen.

Es geht darum, ihm möglichst viele gesunde, bewegliche und schmerzarme Lebensjahre zu ermöglichen.

Denn Liebe zeigt sich nicht daran, wie viel wir unserem Hund zu fressen geben, sondern auch daran, wie gut wir auf seine Gesundheit achten.

Gesundheit beginnt beim Blick aufs Ganze.

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Wissenschaftliche Quellen

Kealy RD et al. (2002): Effects of diet restriction on life span and age-related changes in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association, 220(9), 1315–1320. DOI: 10.2460/javma.2002.220.1315

Salt C et al. (2019): Association between life span and body condition in neutered client-owned dogs. Journal of Veterinary Internal Medicine, 33(1), 89–99. DOI: 10.1111/jvim.15367

Marshall WG et al. (2010): The effect of weight loss on lameness in obese dogs with osteoarthritis. Veterinary Research Communications, 34, 241–253.

German AJ (2006): The Growing Problem of Obesity in Dogs and Cats. The Journal of Nutrition, 136(7), 1940S–1946S. DOI: 10.1093/jn/136.7.1940S

Cline MG et al. (2021): 2021 AAHA Nutrition and Weight Management Guidelines for Dogs and Cats. Journal of the American Animal Hospital Association, 57(4), 153–178. DOI: 10.5326/JAAHA-MS-7232